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Gerd's Kolumne

Gerd Stachow
Gerd`s Kolumne - das ist eine ganz neue Form, den Lesern unserer Seite mitzuteilen, was für Gedanken mich so in dieser Woche bewegten. Na, ja, eine Kolumne ist vielleicht doch nicht so ganz neu. Aber, auf der Seite einer Band habe ich so etwas noch nicht gesehen. Ich würde mich freuen, wenn Ihr im Gästebuch mal schreibt, wie diese Geschichte - oder eben die Geschichten, die Ihr hier lest, bei Euch ankommen und welche Gedanken Euch so bewegen.
HISTORIE



08.09
18 Jahre später



09.09
Michael Jackson



09.09
1.Wochenende



10.09
Ohne Moos nix los



10.09
The show must go on...



11.09
20 Jahre danach



11.09
Kann man Musiker klonen?



12.09
Ende gut - alles gut



01.10
2010 und die guten Vorsätze



02.10
Was das A-Team mit Winni2 zu tun hat



03.10
Warten auf Sonnenschein



04.10
DSDS vs. Moos im Rasen



04.10
Stimme des Volkes



05.10
...das Leben eben nehmen...



06.10
Like a Sattelite



07.10
Wenn der Planet brennt



08.10
Dudeldei - Die Gedanken sind frei
















Beitrag August 2010 - "Dudeldei - Die Gedanken sind frei!"

W enn ich ein Schriftsteller wäre, würde ich jetzt beschreiben, wie das Licht sich auf dem Bildschirm meines Rechners spiegelt, wie draußen gerade eine dunkle Gewitterwolke aufzieht und sich die Äste der Kastanie im aufkommenden Wind, der dem Regen vorausgeht, anfangen zu winden und biegen, so dass man glauben könnte, die bewegte Luft wolle testen, welche der Blätter stark genug sind, den Elementen zu widerstehen. Ich bin aber kein Schriftsteller, sondern nur der Kolumnist auf der Winni 2 Seite. Diese Kolumne hat auch relativ wenig mit Winni 2 zu tun. Obwohl......! Na ja, das müsst ihr, wenn ihr diese Geschichte gelesen habt, selbst beurteilen. Eigentlich ging Alles damit los, dass ich vor einigen Tagen bei meinem Vater, er ist im 80sten Lebensjahr, im Garten gesessen habe und wir über alles Mögliche geredet haben. Dabei fiel von ihm der Satz, dass wir ja nun auch schon 20 Jahre ein gemeinsames Deutschland hätten und die DDR davor auch nur 40 Jahre existiert hätte. Und davon habe ich ja auch nicht alle Jahre miterlebt, denn ich wurde ja erst 1958 geboren. Trotzdem erscheint mir die Zeit vor der Wende, wenn ich sie mit der Zeit nach 1989 vergleiche, unendlich lang. Vielleicht liegt das daran, dass die Erlebnisse in jungen Jahren viel prägender sind, als die, die man erlebt, wenn man schon etwas reifer ist. Ich war tagelang mit diesem Gedanken beschäftigt, als ein Reporter vom Deutschlandfunk bei mir anrief und ein Interview machen wollte, das zum Inhalt haben sollte, wie der Ort Boltenhagen sich in den letzten 20 Jahren so entwickelt hatte, wie der Song "Ich ließ mein Herz in Boltenhagen" entstanden war und was die Band mit diesem Ort verbindet. Er hatte auf der Internetseite des Ostseebades bewussten Winni 2 Titel gehört und fand es ganz spannend, die Geschichte der letzten 20 Jahre mal aus der Sicht eines Musikanten zu hören. Dass ich diese Jahre gar nicht bei der Band verbracht hatte, sollte er erst während unseres Gespräches erfahren. Das Gespräch, das er aufzeichnete, dauerte dann fast eine Stunde und dieser junge Mann, so Anfang Dreißig und im "Westen" aufgewachsen, hatte wohl mit einer ganz anderen Geschichte gerechnet. Ganz schnell begriff er aber, dass es nicht nur schwarz und weiß, nicht nur gut oder böse und eben auch solche Geschichten gibt, die das Leben schreibt. Ich will euch hier nicht den Inhalt des Gespräches wiedergeben. Das kann man demnächst im Deutschlandfunk hören. Mir fiel aber während unserer Unterhaltung eine kleine Geschichte ein, die ich vor etwa 35 Jahren geschrieben habe und die ich zu Hause ganz schnell wieder hervorgekramt habe. Ich will euch diese Geschichte einmal vorstellen. Dabei werde ich sie - Wort für Wort - wiedergeben, so wie ich sie damals zu Papier gebracht habe. Einen Kommentar oder eine Erläuterung meiner Gedanken bekommt ihr dazu nicht. Ich bin mal gespannt, ob ich in einigen Köpfen trotzdem damit etwas auslöse:

Der Fluss

Ich war gestern am Fluss. Eigentlich ist es gar kein Fluss, eher ein Bach. Aber, es war eben mein Fluss. Das erste große Wasser, das ich in meinem Leben sah. Als ich ihm jetzt wieder begegnete, war ich böse auf meinen Fluss. Er hatte mich vergessen, erkannte mich nicht. Die Steine, die ich als Kind zusammen getragen hatte und als Steg in den Fluss gelegt hatte, gab es nicht mehr. Ich wusste noch genau die Stelle. Dort war jetzt eine vorbildliche Uferböschung. Und doch war die Erinnerung wieder da. Es war doch ein herrliches Gefühl, als Kind einen eigenen Fluss und in diesem Fluss einen Steg zu haben und dann, zwei Meter entfernt vom Ufer, den ungestümen Wassermassen ausgesetzt zu sein. Eigentlich war mein Fluss nie ungestüm und an der Stelle, an der damals mein Steg ins Wasser ragte, war er nicht einmal ein halben Meter tief. Aber, auch ich hatte ja im Laufe der Zeit das Alles, hatte meinen Fluss vergessen. In den Jahren, die zwischen unserer letzten Kindheitsbegegnung und unserem Wiedersehensehen lagen, gab es so viele Dinge zu tun. Man musste lernen, arbeiten, sich den Weg erkämpfen, von dem man glaubte, dass er der Richtige sei. Da verschwendet man keinen Gedanken an einen Fluss, der ja eher ein Bach ist. Vielleicht begriff ich auch deshalb nicht sofort, dass mein Fluss mir etwas zu sagen hatte? Ich sah zwar, dass mein Fluss es jetzt bedeutend einfacher hatte als früher. Es gab keine umgefallenen Bäume mehr, die seinen Lauf behinderten, auch keine steinernen Stege, die von kleinen Jungen gebaut, störende Strudel erzeugten. Der Fluss floss gleichmäßig und ruhig. Es gab aber auch nicht mehr das lustige Plätschern, die Wirbel, in denen sich das Sonnenlicht brach und die dann glitzerten, als könne man das gesamte Universum darin erblicken. Ich hatte plötzlich den Eindruck, dass mein Fluss traurig war. Sein Gesicht sah verändert aus! Zwar wohlgeordnet, aber man konnte ihm nicht mehr in die Augen sehen. Sie waren trübe geworden. Ich konnte nicht mehr sehen, wie er auf seinem Grund mit kleinen Kieseln spielte, ständig bestrebt, sie ja nicht auf ihrem ursprünglichen Platz liegen zu lassen. Auch suchte man die kleinen Fische vergeblich, die an seichten Stellen früher im Wasser standen und sich davon ausruhten, gegen die Strudel anzukämpfen. Seine Augen waren nicht mehr blau und klar. Sie waren jetzt schmutzig grün, durchzogen von braunen Streifen und garniert mit schmutzig grauen Schaumflocken. Aber, er war noch nicht tot. Ich sah, wie er verbissen versuchte, an einer künstlich begradigten Stelle in sein ursprüngliches Bett zurück zu gelangen. Stück für Stück nagte er sich in die schöne Uferböschung. Aber, er wusste, dass sein Kampf vergebens sein würde. Die Menschen würden kommen und ihm wieder ihren Willen aufzwingen. Sie waren nun einmal stärker. Und - obwohl er das alles wusste - gab er nicht auf. Er kämpfte, weil er immer gekämpft hatte. Und er würde weiter kämpfen. Die Menschen konnten ihm zwar Gewalt antun und seinen Lauf verändern und ihn für sich arbeiten lassen. Seinen Willen jedoch, den konnten sie ihm nicht nehmen. Und, was sollte er auch weiter tun, als zu kämpfen? Die Lust zum fröhlichen Plätschern war ihm längst vergangen. Er hatte es noch einige Zeit lang versucht, nach dem die Menschen die Fabrik gebaut hatten. Doch, immer, wenn er plätscherte entstanden nur noch schmutzig graue Blasen. Die, die früher in ihm wohnten, die er großmütig beherbergt hatte, mit denen konnte er sich auch nicht mehr unterhalten. Die Fische waren weggezogen, die Krebse wurden alt, bekamen keine Jungen mehr, starben schließlich und an die schönen und edlen Flussmuscheln erinnerte nur noch hier und da eine leere Schale. Der Fluss wurde einsam. Er konnte nur noch trübe auf den Wald blicken, der an seinen Ufern wuchs. Aber, er konnte nicht mehr mit ihm sprechen. Er verstand die Sprache des Waldes nicht. Der Wald hatte es doch viel besser. In ihm sprangen die Rehe, tollten junge Füchse und sangen die Vögel. Sie alle waren früher auch zum Fluss gekommen, um aus ihm zu trinken. Jetzt kamen sie schon lange nicht mehr. Der Fluss konnte nicht begreifen, warum das Alles so war. Er wurde doch nicht alt? Ein Fluss ist doch immer jung und alt zugleich, jung an der Quelle und alt an der Mündung! Oder, sollte er bestraft werden? Hatte er etwas Böses getan? Ich habe stundenlang am Fluss gesessen und er hat mir all das erzählt. Wir waren ja immerhin alte Bekannte. Ich hatte das Gefühl, dass er mich fragen wollte, warum Alles so und nicht anders - eben wie früher - sei. Ich müsse es doch wissen, denn ich war ja ein Mensch. Als ich schließlich ging, war ich ihm die Antwort schuldig geblieben. Ich konnte ihm beim Abschied nicht einmal ins Gesicht sehen. Ich habe mich geschämt. Ich, der Mensch.

Bis demnächst , Euer Gerd!